Eigentlich ist es ja kein Wunder, dass über Berlin schon seit Tagen die Sonne scheint. Die Hauptstadt darf sich freuen - auf ein WM-Viertelfinale mit deutscher Beteiligung und auf Pearl Jam, die zu Gast in der Parkbühne Wuhlheide sind. Es ist das dritte und letzte Headliner-Konzert der laufenden, insgesamt elf Termine umfassenden Europatour. Der Rest des Tourplans besteht komplett aus Festivalauftritten. Erstaunlich für eine Band, die 2000 nach der Katastrophe von Roskilde fast vor ihrer Auflösung stand und danach jeden weiteren Festivalgig für sich ausschloss. Zur Erinnerung: In Dänemark starben damals bei ihrem Auftritt im Rahmen des Roskilde-Festivals neun Fans im Gedränge vor der Bühne. Pearl Jam widmeten ihnen später den Song "Love Boat Captain".
Berlin ist gleichzeitig der einzige Deutschlandtermin des Quintetts aus Seattle in diesem Jahr und dementsprechend ist das Konzert bereits seit Monaten ausverkauft. 17.000 Fans aus allen möglichen Ländern (wir treffen auf Italiener, Polen, Engländer, Schweden, Holländer, ja sogar auf Chilenen...) pilgern in den Osten der Stadt und sorgen schon seit dem frühen Nachmittag vor der Wuhlheide für ein friedliches Happening. Als Special Guest ist heute Ben Harper & The Relentless 7 mit am Start, der den Abend pünktlich um 18.30 Uhr eröffnet. Mit seinem Stilmix aus Folk, Blues und Reggae sorgt der 40-jährige Kalifornier auch gleich für gute Stimmung, die jedoch erst dann von freundlichem Applaus in enthusiastischen Jubel umschlägt, als Pearl Jam-Frontmann Eddie Vedder zur Coverversion von "Under Pressure" ebenfalls auf der Bühne erscheint. Nach sieben Songs (u.a. "Up To You Now" oder "Serve Your Soul") und 45 Minuten hat Ben Harper seine Anheizer-Schuldigkeit getan und das durchaus erfolgreich.
Pearl Jam selbst treten heute bereits zum fünften Mal in Berlin auf. Premiere war 1992 und damals spielte die Band laut Vedder neun Songs. "Diesmal spielen wir zehn", ergänzt er gleich zu Beginn ihres Auftritts. Am Ende des Abends werden es dann aber doch 28 Stücke sein. Mit dem ruhigen "Long Road" starten die Fünf (verstärkt durch Boom Gaspar an der Orgel) um kurz vor 20 Uhr in ihr Set. Die Mischung aus langsamen Songs und schnellen Rockern stimmt. Im Mainset wechseln sich Abgeh-Nummern wie "Got Some" (vom aktuellen Album "Backspacer"), "Why Go", "Given To Fly", "Push Me Pull Me", "Even Flow" (mit einem tollen Gitarrensolo von Mike McCready), "World Wide Suicide" oder "Do The Evolution" gekonnt ab mit melancholischen Momenten in Gestalt von "In Hiding", "Low Light" oder "Immortality", von dem man sagt, Eddie Vedder habe es für Kurt Cobain geschrieben. Vedder selbst redet vergleichsweise wenig, ermahnt die Leute im Innenraum zwischendurch lediglich, gegenseitig auf sich aufzupassen. Angesichts zahlreicher Crowdsurfer und Fans, die von der Security immer wieder aus den ersten Reihen gezogen werden müssen, ist sein Hinweis sicherlich angebracht. Der Sound ist ebenso wie die Stimmung im weiten Rund bestens. Trotzdem kann man sich des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass die Band ihr Programm eher routiniert abspult. Darauf deutet auch das mit etwas mehr als einer Stunde für Pearl Jam-Verhältnisse durchaus kurz gehaltene Mainset hin. Aber routiniert bedeutet bei Pearl Jam immer noch besser als bei vielen anderen ihrer Musikerkollegen.
So erscheint Eddie Vedder zum ersten Zugabenblock auch zunächst alleine mit seiner Akustikgitarre und gibt "The End" und "Just Breathe" zum Besten. Als Überraschung für die Fans spielt die Band anschließend das P.I.L.-Cover "Public Image" und zum zweiten Coversong des Abends, dem wunderbaren "Kick Out The Jams" von MC5, gesellen sich sogar die beiden R.E.M.-Mitglieder Peter Buck und Scott McCaughey hinzu, die Pearl Jam mit in die zweite Pause begleiten. Aber natürlich war es das noch nicht, auch wenn der anwohnerfreundliche Wulheide-Curfew um 22 Uhr immer näher rückt. Es folgt ein emotionaler letzter Akt.
Dieser fängt mit "Unthought Known" und einer grandiosen Version von "Black" schon überaus gänsehautfördernd an. Dann bittet Eddie Vedder um Ruhe und erinnert noch einmal an das tragische Unglück von Roskilde, welches sich heute auf den Tag genau zum zehnten Mal jährt: "Es ist nicht so, dass wir heute ganz besonders daran denken, wir denken jeden Tag daran". Die anschließende Schweigeminute wird nur von den Rufen einiger unverbesserlicher Hohlköpfe gestört. Schließlich spielt die Band für die neun Opfer von damals "Come Back" und Tausende von Feuerzeugen illuminieren die Wuhlheide. Zum guten Schluss werfen Band und Fans nochmal jeglichen Ballast ab und feiern mit "Alive" und "Yellow Ledbetter" dem Ende der gut zweieinviertelstündigen Show entgegen. Vielleicht feiern sie dabei auch ein wenig die Tatsache, dass es Pearl Jam trotz Roskilde immer noch gibt und man im kommenden Jahr auf zwei Jahrzehnte gemeinsamer Geschichte zurückblicken darf. Hoffentlich auch dann wieder mit einem Konzert in Berlin!