Sonntag, 5. September 2010
 
.
Band PDF Drucken E-Mail
Freitag, 18. Mai 2007
Von Thomas Kröll

 

Hinweis in eigener Sache: Aufgrund rechtlicher Bedenken haben wir alle Fotos aus diesem Special entfernt (Mai 2009). 

Dem breiten Publikum bekannt wurden Pearl Jam durch ihr am 27.08.1991 veröffentlichtes Debütalbum „Ten“, das über 12 Millionen Käufer fand (Stand 2007 / alle anderen Verkaufszahlen im Text sind - wenn nicht anders gekennzeichnet - Stand März 2004) und gleichzeitig ihr weltweit bisher kommerziell erfolgreichstes war. Aber um kommerzielle Interessen hat sich die Band in den Jahren danach immer weniger gekümmert, was sich auch auf die Verkaufszahlen der Folgealben niederschlug.

Angefangen hat die Geschichte von Pearl Jam allerdings schon viel früher...

1990 – 1992:
DO THE EVOLUTION...

Genauer gesagt am 19. März 1990 mit einem für die Musikszene ihrer Heimatstadt Seattle überaus traurigen Ereignis. In Gestalt von Andrew Wood stirbt an diesem Tag die bis dahin schillerndste Ikone dieser Musiklandschaft im Alter von nur 24 Jahren an einer Überdosis Heroin und mit ihm stirbt auch seine Band Mother Love Bone ( „Apple“).

Das ist für den weiteren Fortgang der Geschichte deshalb von Bedeutung, weil mit Jeff Ament (Bass) und Stone Gossard (Guitar) zwei spätere Pearl Jam-Gründer plötzlich ohne Band dastehen.

In Mike McCready, den Gossard aus einer Band namens Shadow kannte, finden sie einen Gitarristen, der zu ihnen zu passen scheint. Gemeinsam mit dem Schlagzeuger Matt Cameron (Soundgarden) nimmt das Trio ein Demotape mit zwölf Instrumentalstücken auf. Mit einem Auszug dieses Tapes begeben sie sich auf die Suche nach einem Sänger. Darauf zu hören sind die Songs „Dollar Short“ (aus dem später für „Ten“ dann „Alive“ wurde), „Once“, „Footsteps“ (spätere B-Seite der „Jeremy“-Single von „Ten“), „Black“ und „Alone“. Der ehemalige Red Hot Chili Peppers-Drummer Jack Irons (der später auch einige Zeit bei Pearl Jam trommelt) gibt das Tape an einen Freund aus San Diego weiter: Eddie Vedder (der bürgerlich Edward Louis Severson III. hieß, später aber den Mädchennamen seiner Mutter annahm). Vedder schreibt Texte zu drei der Stücke („Dollar Short“, „Once“, „Footsteps“) und nennt das Ganze seine „Mamasan Trilogy“. Hört man sich diese Urfassungen heute an, begreift man, warum Ament, Gossard und McCready daraufhin beschliessen Eddie Vedder als Sänger in ihre Band aufzunehmen. Schon damals ist die ungeheure Kraft in Vedder`s Stimme spürbar. Pearl Jam sind faktisch geboren! Allerdings noch unter dem Namen Mookie Blaylock (seinerzeit ein bekannter Basketballer der New Yersey Nets) und mit Dave Krusen als neuem Schlagzeuger. Am 22.10.1990 geben Mookie Blaylock im Off-Ramp-Café in Seattle ihr erstes Konzert.

1991 ändern sie, wohl auch um Rechtsstreitigkeiten aus dem Weg zu gehen, diesen Namen endgültig um in Pearl Jam. Über dessen Ursprung streiten sich die Gelehrten noch heute. In einer Ausgabe des US Rolling Stone von 2006 gibt es die wahrscheinlich zutreffendste Erklärung ("How the band got their name"): Als die Band in einem Restaurant in Seattle überlegt, welcher denn nun der neue Name sein könnte, hat Jeff Ament die Idee zu "Pearl". Allerdings können sich die Bandmitglieder nicht auf einen zweiten Namensteil einigen. Kurze Zeit später unterschreiben sie in New York ihren Plattenvertrag mit Epic Records. Bei dieser Gelegenheit besuchen Stone Gossard, Eddie Vedder und Jeff Ament ein Konzert von Neil Young im Nassau Coliseum. Dabei entsteht der zweite Namensteil "Jam". Jeff Ament erklärt das so: "He played, like, nine songs over three hours. Every song was like a fifteen- or twenty-minute Jam. So that's how 'Jam' got added on to the name. Or at least that's how I remember it".

Meine persönliche Lieblingsvariante ist die, wonach Pearl der Name von Vedder`s Großmutter war. Diese war mit einem Indianer verheiratet, der sie wiederum in die Geheimnisse der Zubereitung halluzinogener Marmelade einweihte, der Jam eben. Daraus soll dann der Name Pearl Jam entstanden sein.

Wie auch immer, im März und April 1991 spielen Pearl Jam mit Produzent Rick Parashar in den London Bridge Studios von Seattle ihr Debütalbum „Ten“ ein (benannt nach Mookie Blaylock`s Rückennummer). „Alive“ wird ihre erste Single.

Kurz darauf verlässt Dave Krusen die Band, wird kurzfristig von Matt Chamberlain vertreten, den wiederum Dave Abbruzzese bis zu seinem eigenen Ausstieg 1994 beerbt.

Fast zeitgleich gibt es auf Initiative des Soundgarden-Sängers Chris Cornell das Temple of the Dog-Projekt zu Ehren von Andrew Wood.

„I want to show you something,
like a joy inside my heart.
Seems I been living in the temple of the dog,
where would I live if I were a man of golden words”
(Mother Love Bone “Man of Golden Words”, 1990)

“Temple of the Dog” ist ein warmes und sehr beseeltes Album, das im Mai 1991 veröffentlicht wird und dessen Video zu “Hunger Strike” (Cornell und Vedder singen gemeinsam) es bei MTV in die Heavy Rotation schafft. Allerdings wird das Video erst gut ein Jahr nach dem Release der Single gedreht. Bis dahin haben die Verantwortlichen von A&M Records wenig Interesse an dem Album gezeigt und noch weniger daran, mehr Geld als unbedingt nötig in dieses Projekt zu stecken. Als Pearl Jam jedoch groß rauskommen, ändert sich diese Haltung schlagartig und „Temple of the Dog“ wird zum Millionenseller. Auch Dank des eilends darauf angebrachten Stickers „Featuring Members of Pearl Jam and Soundgarden“.

Irgendein Vermarktungsstratege ist da nämlich schon längst auf die „glorreiche“ Idee gekommen, dem ganzen Seattle-Hype das Etikett „Grunge“ zu verpassen und bis zur Kotzgrenze auszuschlachten. Was folgt, ist die bedeutendste musikalische Eruption seit dem Niedergang des Punkrocks.

Ebenfalls 1991 übernehmen Jeff Ament, Stone Gossard und Eddie Vedder eine kleine Rolle im Film "Singles" von Cameron Crowe. Sie spielen darin die Mitglieder der fiktiven Band "Citizen Dick" (in der Rolle des Sängers ist Matt Dillon zu sehen) und nehmen für den Soundtrack des Films die Songs "Breath" und "State Of Love And Trust" auf. Der Film kommt aber erst am 22.04.1993 in die deutschen Kinos.

Im Zuge des Erfolges von Nirvana`s „Nevermind“ wird auch „Ten“ zu einem Megaseller, erreicht Europa aber erst im Frühjahr 1992 (also fast ein Jahr nach seiner Veröffentlichung, indem das Album bis auf Platz 2 der Charts klettert). Ebenso wie die Band, die in London am 3. Februar 1992 erstmals auf europäischem Boden spielt. Mein persönliches Highlight aus dieser Zeit ist der ungemein intensive und bis zum heutigen Tag unerreichte „MTV Unplugged“-Auftritt von Pearl Jam in den New Yorker Kaufman Astoria Studios am 16.03.1992. Was Vedder dabei an Wut, Leidenschaft und Charisma verströmt ist schlicht unglaublich. Gleichzeitig gibt es Videoclips zu „Alive“, „Evenflow“, „Jeremy“ und „Oceans“ (das aber erst auf der „Touring Band“-DVD von 2000 offiziell veröffentlicht wird!). Es sollen für lange Zeit die einzigen Clips der Band bleiben...


 

1993 – 1999:
DIE STEINZEIT



Denn schon 1993 zeigt sich, dass Pearl Jam durch den stetig wachsenden Hype um sich und ihre Musik ernste Schwierigkeiten mit ihrem eigenen Selbstverständnis bekommen. Insbesondere Eddie Vedder. Ihre Verweigerungshaltung drückt sich zum Beispiel darin aus, dass sie jahrelang nur äußerst sparsam Interviews geben oder im weiteren Verlauf ihre Alben immer spärlicher promoten lassen. Höhepunkt hierbei ist sicherlich der langandauernde Konflikt mit Ticketmaster, einem amerikanischen Kartenmonopolisten, der ihrer Auffassung nach überzogene Preise für Konzertkarten verlangt. 1995 müssen aufgrund dieses Streits Teile der Sommertournee durch die USA abgesagt werden. Pearl Jam hatten versucht, diese Tour selbst zu organisieren und dabei auf Ticketmaster zu verzichten, was leider nicht komplett durchzuführen war.

Dennoch gewinnt die Band im September 1993 gleich vier MTV Music Awards. Alleine für das Video zu "Jeremy" in den Kategorien "Best Video Of The Year", "Best Group Video" und "Best Metal/Hard Rock Video". Darüberhinaus erhält Regisseur Mark Pellington einen Award als "Best Direction In A Video".

Am 19.10.1993 wird das mit Spannung erwartete zweite Pearl Jam-Album veröffentlicht: „Vs“ (das ursprünglich „Five against One“ heißen soll, wogegen die Band aber erfolgreich interveniert). „Go“ ist die erste Singleauskopplung. Da Pearl Jam keine Videoclips mehr machen wollen, kursieren von „Go“ und „Daughter“ nur inoffizielle Versionen. „Go“ findet man als Hintergrundmusik in einer Doku über den US-Basketballer Shawn Kemp (Seattle Supersonics) und „Daughter“ wird von einem neuseeländischen Musiksender über die Bilder von „Oceans“ gelegt und als eigenes Video gesendet. „Vs“ verkauft sich auch so über 6 Millionen Mal und ist ein weiterer Riesenerfolg. In der ersten Woche nach dem Release gehen alleine 1.000.000 Exemplare über den Tisch. Ein Verkaufsrekord, der fünf Jahre lang Bestand haben soll.

Trotz oder gerade deswegen beginnen sich Pearl Jam langsam aber sicher immer mehr in sich selbst und ihre Musik zurückzuziehen.

Dabei nehmen sie billigend in Kauf, wieder Stück für Stück aus der öffentlichen Wahrnehmung zu verschwinden. Was sich jedoch gleichzeitig mit dieser Haltung festigt, ist ihre unglaublich tiefverwurzelte Fangemeinde (deren Verhältnis zur Band durch einen fast einzigartigen gegenseitigen Respekt geprägt ist), ihre Glaubwürdigkeit, Integrität und nicht zuletzt auch ihre musikalische Unabhängigkeit. Vergleicht man beispielsweise Pearl Jam-Konzerte aus den früheren Jahren (noch bis etwa 1996) mit den heutigen wird diese Entwicklung deutlich. Kletterte Vedder früher gerne mal an Bühnenbauten oder Boxentürmen herum, scheint die Band heutzutage ihre eigenen Konzerte regelrecht zu genießen. Die Musik spricht für sich!

Ein markanter Punkt in diesem Prozeß ist sicherlich auch der Selbstmord von Kurt Cobain (Nirvana) am 5. April 1994, der die gesamte „Seattle-Szene“ bis in ihre Grundfesten erschüttert (ähnlich wie vier Jahre zuvor bei Andy Wood). Besonders Vedder, dem zu Unrecht immer eine Rivalität mit Cobain nachgesagt wird, denkt ernsthaft über eine Auflösung von Pearl Jam nach.

„A truant finds home…
and I wish to hold on, too…
But saw the trapdoor in the sun…
(Pearl Jam “Immortality”, 1994)

Glücklicherweise kommt es nicht soweit und am 06.12.1994 steht mit „Vitalogy“ Album Nr. 3 in den Regalen. Dave Abbruzzese verlässt unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen die Band und wird von Jack Irons ersetzt. Aber Pearl Jam haben ihre Krise gemeistert und mit „Vitalogy“ beginnen sie langsam erwachsen zu werden. Grunge ist tot, aber Pearl Jam leben nach wie vor! Auch wenn es hinter den Kulissen nicht immer harmonisch abläuft...

Denn „Vitalogy“ ist eindeutig Eddie Vedder`s Album, fast alles darauf stammt aus seiner Feder. Im Gegensatz dazu hatte Stone Gossard bei den vorhergehenden beiden Alben die künstlerische Richtung bestimmt. Verständlich, dass es da zu Differenzen innerhalb der Band kommt. Auch die anderen Mitglieder wollen ihre eigenen Songs verwirklichen und nicht nur die „vorgesetzten Konstrukte“ von Gossard und Vedder vollenden. Jack Irons ist es, der wieder frischen Wind in die Band bringt. Dadurch, dass er es ist, der die Band quasi „erschaffen“ hat (indem er das Demotape aus der „Steinzeit“ an Eddie Vedder weitergab), schafft er es auch irgendwie, Pearl Jam neues Leben einzuhauchen.

"Vitalogy" verkauft sich in der ersten Woche nach Erscheinen 877.000 Mal und hält sich in den Billboard 200 Charts fünf Wochen lang hintereinander auf Platz 1. In den ersten beiden Monaten nach Erscheinen verkauft sich das Album sogar ganze 4 Millionen Mal.

Eine weitere wichtige Person in dieser Zeit ist Neil Young, mit dem Pearl Jam 1995 das Album „Mirrorball“ und später noch die EP „Merkinball“ einspielen. Eddie Vedder hat danach des öfteren gesagt, dass Young ihnen teilweise erst beigebracht hat, wie eine richtige Band funktioniert.

Anfang 1996 nimmt Eddie Vedder für den Tim Robbins-Film "Dead Man Walking" in Zusammenarbeit mit Nusrat Fateh Ali Khan zwei Songs auf: "Long Road" und "The Face Of Love". Im gleichen Jahr wird die Band mit zwei American Music Awards ausgezeichnet ("Favorite Heavy Metal/Hard Rock Artist" und "Favorite Alternative Music Artist") sowie mit einem Grammy Award in der Kategorie "Best Hard Rock Performance" (für ihre Single "Spin The Black Circle").

Bis 1998 folgen zwei weitere Alben: Das wundervolle „No Code“ (27.08.1996), auf dem sich Pearl Jam endlich wieder als Kollektiv präsentieren. Jeder von ihnen schreibt nun Songs, die jeder von ihnen wiederum verfeinert. Das Ergebnis ist ein sehr vielseitiges Album, voller neuer Ideen und Facetten, in dessen Zuge die Band auch wieder in Deutschland tourt. Ihr Konzert in Berlin am 03.11.1996 wird live von „Radio Fritz“ weltweit übertragen! Anschließend legt Eddie Vedder im Studio des Senders noch gut zwei Stunden seine Lieblingsscheiben auf.

Schließlich folgt am 03.02.1998 mit „Yield“ ihr inzwischen fünftes Studioalbum. Nach sage und schreibe sechs Jahren produzieren Pearl Jam für den „Yield“-Track „Do The Evolution“ auch wieder einen eigenen Videoclip. Bezeichnend jedoch, dass es sich dabei um einen von Todd McFarlane entworfenen Comicstrip handelt. Die Band selbst kommt nicht darin vor. Dafür gibt es 1998 mit „Single Video Theory“ aber die erste Dokumentation über Pearl Jam auf Video (und später auf DVD). Neben zehn Songs enthält das Tape auch Interviews und Eindrücke aus dem Studio bei den Aufnahmen zu „Yield“. Die Regie führt wiederum Mark Pellington. 

Die Band aber hat mit „No Code“ und „Yield“ die entscheidende Erfahrung gemacht, dass sie durchaus alle musikalischen Ideen jedes Einzelnen getrost in einen grossen Topf werfen und gut durchrühren kann, und dass am Ende trotzdem immer ein hörbares Ergebnis dabei herauskommt. Niemand von ihnen hat es seitdem mehr nötig, seine Songs durchzusetzen, um das eigene Ego zu befriedigen. Der Spass an der gemeinsamen Arbeit steht nun im Vordergrund.

Mike McCready hat das in einem späteren Interview (zu „Riot Act“ 2002) einmal so beschrieben: „Wir sind heute mehr denn je ein Songwriting-Kollektiv. In früheren Tagen kam ein Großteil der Ideen von Stone, wir haben dann nur noch unseren Senf zu den meist schon fertigen Songs abgegeben. In der Zwischenzeit hat Eddie sehr gut Gitarre spielen gelernt, er schreibt ganz andere Songs als Stone und hat auf dieser Platte mehr denn je zum Songwriting beigesteuert. Auch ich habe meinen Teil dazu beitragen können, und nicht zuletzt Matt allein schon deshalb, weil er sich sonst langweilen würde. Auch er ist ein außergewöhnlicher Songschreiber, dessen Ansätze und Ideen sich ebenfalls komplett von den anderen unterscheiden. Lediglich Jeff ist zufrieden damit, ein sehr guter Bassist zu sein und ein paar kleine ideelle Stubser in die richtige Richtung zu geben...“.

Auch Pearl Jam live zu sehen ist schon etwas sehr Besonderes! Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern ist kein Konzert wie das andere. Die Setlisten wechseln allabendlich, auf großartiges showtechnisches Brimborium wird zugunsten des intensiven musikalischen Ausdrucks verzichtet und kaum eine Show endet vor weniger als zwei Stunden Spielzeit. Berühmt in diesem Zusammenhang ist die sogenannte „Breath Campaign“ von 1998.

Zum Ziel hat diese von Fans initiierte Aktion, dass Pearl Jam auf ihrer 98er Tour das Stück „Breath“ (aus dem Soundtrack des bereits erwähnten Cameron Crowe-Films „Singles“ von 1992) spielen sollen. So halten, beginnend in East Rutherford am 08.09.1998 bis zum Konzert im Madison Square Garden Abend für Abend hunderte Fans Schilder in die Luft, auf denen nur ein einziges Wort steht: „Breath“. Am 11.09.1998 spielt die Band das Stück dann zum ersten Mal seit vier Jahren wieder live. Eine Episode, die die besondere Verbindung zwischen Band und Fans erneut unterstreicht.

Eigentlich nur logisch, dass am 24.11.1998 mit „Live on two legs“ auch das erste Livealbum von Pearl Jam erscheint. Es sollen noch unzählige weitere folgen...


 

2000 – 2004:
DIE VERGANGENHEIT



2000 kommt die Band mit ihrem siebten Album „Binaural“ (Veröffentlichung am 16.05.2000) im Gepäck wieder auf grosse Europatournee. Unter anderem spielen sie drei grandiose Shows bei Rock am Ring, in Berlin und in Hamburg. Seit 1998 sitzt nun auch wieder Matt Cameron hinter dem Drumkit, womit sich der Kreis zur Steinzeit schließt.

Am 30. Juni 2000 sollen Pearl Jam auf dem Roskilde-Festival in Dänemark spielen und dieser Abend wird zu einem weiteren markanten Punkt in ihrer Geschichte. Leider zu einem überaus tragischen.

Vor ihrem Set hat es starke Regenfälle gegeben, wodurch der Bereich vor der Bühne sehr matschig und rutschig geworden ist. Trotzdem wird das Festival von den Verantwortlichen fortgesetzt und beim Auftritt von Pearl Jam verlieren zahlreiche Fans den Halt auf dem glitschigen Boden und werden von der nachdrängenden Masse erdrückt. Neun Menschen kommen dabei ums Leben, das Konzert (nicht jedoch das Festival) wird abgebrochen. Ich werde wohl nie die Bilder des weinenden Eddie Vedder vergessen, der zusammengekauert am Bühnenrand hockt und ins Leere starrt. Band und Fans sind gleichermaßen geschockt und für längere Zeit ist nicht klar, wie es weitergehen soll. Auch vor dem Hintergrund, dass der Veranstalter anschließend versucht, der Band eine Mitschuld an der Tragödie in die Schuhe zu schieben (was vollkommen absurd ist), lassen Pearl Jam durch ihren Manager Kelly Curtis folgendes Statement veröffentlichen:

„This is so painful... I think we are all waiting for someone to wake us and say it was just a horrible nightmare. And there are absolutely no words to express our anguishin regard to the parents and loved ones of these precious lives that were lost. We have not yet been told what actually occurred, but it seemed to be random and sickeningly quick it doesn`t make sense. When you agree to play a festival of this size and reputation it is impossible to imagine such a heart-wrenching scenario.
Our lives will never be the same, but we know that is nothing compared to the grief of the families and friends of those involved. It is so tragic… there are no words.
Devastated, Pearl Jam”

Auf ihrem im Jahre 2002 erscheinenden Album “Riot Act” widmen sie den in Roskilde verstorbenen Fans den Song „Love Boat Captain“, in dem es heisst: „It`s an art to live with pain, mix the light into grey - lost nine friends we`ll never know, two years ago today“. Als Konsequenz beschliessen Pearl Jam fortan keine Festivals mehr zu spielen.

Nach Roskilde brodelt die Gerüchteküche und zum zweiten Mal in ihrer Geschichte wird eine Auflösung der Band befürchtet. Spätestens jedoch mit dem Start der US-Tour im August 2000 zeigt sich, dass es weitergehen soll.

Und es geht sogar so weit, dass Pearl Jam als erste und bisher einzige Band alle 72 Konzerte der 2000er Tour als Doppel-Live-CD`s veröffentlichen. Im September 2000 die der Europatour und im Frühjahr 2001 die der Nordamerika-Tour. Auch von ihrer späteren 2003er Tour durch Australien, Japan und die USA gibt es sämtliche (!) Konzerte als Live-Bootlegs über den „Ten Club“ (den offiziellen Fanclub und Sprachrohr der Band) zu kaufen.

Vorher aber feiert die Band am 22. Oktober 2000 noch den 10. Jahrestag ihres ersten Konzertes mit einer Show in Las Vegas. An diesem Abend spielen sie zum ersten Mal das Mother Love Bone-Cover "Crown Of Thorns".

Am 1. Mai 2001 packt die Band dann sogar noch eine Konzert-DVD auf den ganzen Stapel an Live-Veröffentlichungen obendrauf. „Touring Band 2000“ bietet 3 Stunden lang Pearl Jam pur. Eine Zusammenstellung von 28 Songs aus der abgelaufenen US-Tour, dazu Backstageaufnahmen, eine Fan-Montage der Europatour 2000, das „Oceans“ und „Do The Evolution“-Video oder drei bisher unveröffentlichte Instrumentalstücke aus den Aufnahmesessions zu „Binaural“.

Im Januar 2002 steuert Eddie Vedder für den Film "I Am Sam" erneut einen Soundtrack-Song bei: "You`ve Got To Hide Your Love Away" von den Beatles.

Mit „Riot Act“ erscheint dann am 12.11.2002 das achte reguläre Pearl Jam-Studioalbum. Aus Promo-Zwecken gibt es beim Release für ausgewählte Sender in Seattle eine DVD dazu. Die sogenannte „Chop Suey“-DVD, benannt nach dem Club, in dem Pearl Jam für den Song „I Am Mine“ erstmals wieder ein offizielles Video drehen. Weiterhin enthält die DVD noch ein Interview mit der Band, Videoclips zu „Love Boat Captain“, „1/2 Full“ sowie Epic-Promos der Songs „Save You“ und „Thumbing My Way“.

Nach dem riesigen Schock von und nach Roskilde sind dies für Pearl Jam-Fans fürwahr wieder bessere Zeiten und sie sollen noch lange nicht zu Ende sein! Pearl Jam haben offensichtlich beschlossen ihre Fans für die jahrelange Treue mehr als zu belohnen. Denn nun geht es Schlag auf Schlag!

Am 07.05.2003 erscheint eine weitere DVD (wiederum nur erhältlich über den „Ten Club“): „Live At The Showbox“. Darauf zu sehen ist einer der Warm-Up-Gigs zur „Riot Act“-Tour vom 06.12.2002 aus dem Showbox-Theater in Seattle (24 Songs).

Das Abschlusskonzert der "Riot Act"-Tour in Mexico City am 19.07.2003 wird übrigens live im südamerikanischen Fernsehen und Radio übertragen. Außerdem schreiben Pearl Jam für den Tim Burton-Fim "Big Fish" das Stück "Man Of The Hour".

Ebenfalls 2003 (genauer gesagt am 10. November) gibt es mit der „Lost Dogs“-Doppel-CD ein Album mit bisher unveröffentlichtem Material und raren B-Seiten. Insgesamt 30 Songs, plus „4/20/02“ als Hidden Track. Dies ist ein Stück, das Eddie Vedder zum Gedenken an den verstorbenen Alice In Chains-Sänger Layne Staley geschrieben hat.

Am gleichen Tag (!) veröffentlichen Pearl Jam eine weitere DVD: „Live At The Garden“, eine Aufzeichnung ihrer großartigen Show im Madison Square Garden vom 08. Juli 2003. Die DVD enthält 30 Tracks (mit Gastauftritten von Ben Harper, Tony Barber und Steve Diggle), Eddie Vedder solo („Dead Man“) und verschiedene Montagen als Bonus-Material.

Nach dieser Veröffentlichungsoffensive lässt es die Band 2004 etwas ruhiger angehen. Sie widmen sich mehr ihren politischen und sozialen Projekten. Von ersterem zeugt beispielsweise die „Vote for Change“-Tour auf Initiative von Bruce Springsteen im September und Oktober 2004. Zusammen mit bzw. mit der Unterstützung von zahlreichen anderen Solokünstlern, Schauspielern (Tim Robbins) und Bands wie etwa R.E.M. oder den Dixie Chicks touren sie durch ausgewählte Staaten der USA (den sogenannten „Swing-States“), um die Menschen davon zu überzeugen, bei der anstehenden US-Präsidentschaftswahl John Kerry statt George W. Bush ihre Stimme zu geben. Das Ergebnis dürfte bekannt sein...

Ihr soziales Engagement unterstreichen Pearl Jam mit der im Juli 2004 erscheinenden Doppel-CD „Live At Benaroya Hall“. Darauf ist ein Benefizkonzert verewigt, das die Band am 22.10.2003 (also exakt 13 Jahre nach ihrem ersten Auftritt als Mookie Blaylock!!) zugunsten von „Youth Care“ in Seattle geben. „Youth Care“ ist eine Organisation, die sich um obdachlose Kinder und Jugendliche kümmert. Auch Teile des Erlöses aus dem CD-Verkauf fliessen an diese Institution. Das Besondere an dem Konzert ist, dass es sich hierbei um ein komplett akustisches Set handelt. So erzielt die limitierte Vinyl-Ausgabe bei ebay Preise von bis zu 500 €.

Vorläufiger Schlusspunkt ist dann am 29.11.2004 das „Greatest Hits“-Album „Rearviewmirror“, das noch einmal die Jahre 1991 bis 2003 musikalisch Revue passieren lässt. Mit diesem Album endet auch die Zusammenarbeit mit ihrer bisherigen Plattenfirma Epic/Sony.

Eigentlich unfassbar! Nach all den Jahren der geduldig ertragenen Enthaltsamkeit haben die Fans innerhalb von nur viereinhalb Jahren 4 neue Alben, 3 DVDs und eine Live-CD geboten bekommen. Rechnet man die 2000er und 2003er Bootlegserien noch hinzu, sind es sogar 145 neue Live-CDs!

Seit 2002 gibt es übrigens quasi ein sechstes Bandmitglied: Kenneth "Boom" Gaspar. Gaspar (Piano, Keyboard, Hammondorgel) trifft Eddie Vedder auf Initiative von C.J. Ramone auf Hawaii und weiß zunächst mit dem Namen Pearl Jam nichts anzufangen. Die Band engagiert ihn erstmals für die Aufnahmen zu "Riot Act" (er schreibt unter anderem mit an "Love Boat Captain"). Seitdem ist Boom Gaspar fester Bestandteil der Live-Shows und auf allen Alben seit 2002 vertreten. Von den Fans wird er stets mit langgezogenen "Booooooom"-Rufen begrüsst (nicht zu verwechseln mit "Buh"-Rufen!).


2005 - 2007:
DIE GEGENWART

 

Und auch die Zukunft von Pearl Jam erscheint in einem verheißungsvollen Licht. Anfang Dezember 2004 gibt der „Ten Club“ in einem Newsletter bekannt, dass die Band für 2005 ein neues Studioalbum plant und darüber hinaus auch in Europa wieder auf Tour gehen will. Mit BMG scheint bereits eine neue Plattenfirma gefunden. Man darf sich also getrost schonmal in Vorfreude üben! Und wer weiß? Vielleicht erfüllt sich ja auch Eddie Vedder 2005 seinen Traum von einem Solo-Album. Nur er und seine Ukulele. Aber das ist nur ein Gerücht...

...welches sich auch erst 2007 bewahrheiten soll. Wenn auch in anderer Form. Doch dazu später.

Das Jahr 2005 beginnt im April mit einer erneuten Tourankündigung! Leider immer noch nicht für Europa. Kanada ist angesagt! Im September soll es losgehen und diese Tour wird eine ganz spezielle werden. Nicht nur, weil Pearl Jam dabei auch als Vorgruppe der Rolling Stones auftreten. Aber auch dazu kommen wir später.

Zunächst gibt es Ende April erstmal eine Überraschung. Am 30.04. spielt die Band in dem Indieladen der Easy Street Records in Seattle einen kleinen, aber feinen Gig vor 200 Leuten, in dessen Verlauf sie mit "Crapshoot" (wurde auf dem späteren Album zu "Comatose") sogar einen neuen Song präsentieren.

Der Juli beschert der Band dann eine ganz besondere Auszeichnung. Die Leser von USA Today wählen Pearl Jam zur "Greatest American Rock Band Ever", vor Aerosmith und Van Halen! Im August gibt der TenClub dann bekannt, dass ebenso eine Tour in Südamerika geplant ist.

Am 01. September 2005 startet die Tour dann offiziell mit einem Konzert im wunderschönen Gorge Amphitheater in George, WA. Vorher haben Pearl Jam bereits zwei Auftritte in Seattle (18.03.) und Missoula (29.08.) absolviert. Für die Fans hat sich die Band bei dieser Tour einen einzigartigen Service ausgedacht: die Pearl Jam Digital Downloads!

Dies bedeutet, dass beginnend mit der Gorge-Show von allen Konzerten in den USA (Ausnahme Missoula) und Kanada offizielle Liveaufnahmen erhältlich sein werden. Ab dem 01.09. besteht die Möglichkeit, über den TenClub mp3-Dateien in 192kb/s-Qualität ohne "Digital Rights Management" herunterzuladen. Die Aufnahmen sind bereits wenige Stunden nach Konzertende erhältlich. Eine Show kostet USD 9,99. Das hat es vorher noch nie gegeben! So kann jeder sein persönliches Konzert zeitnah noch einmal über die heimische Steroanlage genießen. Es soll sogar Leute geben, die sich sämtliche 34 Shows des Jahres 2005 zugelegt haben... die Tour durch die USA, Kanada und Südamerika endet am 10.12.2005 im Palacio de los Deportes in Mexiko City.

Zwischendurch, genauer gesagt am 05.10.2005 spielen Pearl Jam im House Of Blues in Chicago noch eine spezielle Benefiz-Show für die Opfer des Hurricans Katrina. Die Tickets dafür kosten beachtliche USD 1.000. Alle Einnahmen werden gespendet!

Nur Europa wird leider weiterhin beharrlich ignoriert. Doch das soll sich im darauffolgenden Jahr endlich und noch dazu gründlich ändern!

Das Jahr 2006 hält aber vorher noch eine neue Platte bereit! Bereits im Februar werden erste Einzelheiten bekannt. Das Album soll über J Records vertrieben werden und im April erscheinen. Zunächst werden Anfang März jedoch weitere Tourtermine für die USA und Kanada vermeldet. Gleichzeitig werden erste Gerüchte über eine bevorstehende Europatournee laut... Die erste Singleauskopplung "World Wide Suicide" erscheint dann offiziell am 14. März, ist aber bereits eine Woche vorher für 48 Stunden als freier Download über den TenClub erhältlich (und wird in dieser Zeit 150.000 Mal heruntergeladen). Ebenfalls im März wird der Titel des neunten Studioalbums der Band festgelegt: er lautet schlicht und ergreifend "Pearl Jam".

Dann der Hammer! Pearl Jam kommen tatsächlich nach Europa zurück!! Zunächst "nur" für einen Clubgig im Londoner Astoria am 20.04.2006, aber schnell wird klar, dass es dabei nicht bleibt! Tatsächlich bestätigt der TenClub im April weitere Auftritte am 25. und 27.08.2006 beim Leeds und Reading Festival in Grossbritannien. Es sind die ersten Festival-Auftritte der Band nach dem Roskilde-Unglück von 2000.

Im Vorfeld absolvieren Pearl Jam am 15.04.2006 zunächst einen Auftritt bei der Fernsehshow "Saturday Night Live", der erste seit 1994. Die Band spielt dabei mit "World Wide Suicide" und "Severed Hand" gleich zwei brandneue Songs. Im Anschluss an den erwähnten und denkwürdigen Auftritt im Londoner Astoria folgt dann für alle europäischen Fans nach sechs langen Jahren des Wartens endlich die Erfüllung: Daten für eine komplette Europatour! Neben Leeds und Reading umfasst die Tour insgesamt 22 Konzerte in Großbritannien, Holland, Belgien, Spanien, Portugal, Frankreich, Schweiz, Italien, Tschechien, Österreich, Kroatien, Griechenland und Deutschland (am 23.09. in der Berliner Wuhlheide). Und es gibt erneut von allen Shows digitale Downloads! Die Pearl Jam-Welt hat sich in ein Schlaraffenland verwandelt!

Am 28.04.2006 steht "Pearl Jam" dann hierzulande in den Regalen (und verkauft sich in den USA bis Februar 2009 704.000 Mal - Quelle: Nielsen SoundScan)! Zu "Life Wasted" gibt es erstmals seit acht Jahren auch wieder einen zugegebenermaßen ziemlich strangen Videoclip, der Pearl Jam als eine Art Zombies zeigt (vielleicht eine selbstironische Anspielung auf ihren Status als "letzte Überlebende des Grunge"). Das Besondere: Das Video gibt es für 5 Tage als kostenlosen Download im Netz. Pearl Jam veröffentlichen das Video sogar unter einer sogenannten CC License. Dies bedeutet, dass jeder das Video legal in Tauschbörsen oder ähnlichem verteilen darf.

Und die Ereignisse überschlagen sich weiter. Neben "Pearl Jam" erscheint am 21. Juni "Live At Easystreet". Die EP enthält 7 Songs des letztjährigen Geheimgigs in einem Indiestore in Seattle. Vorher noch gibt es die Songs "World Wide Suicide", "Comatose", "Life Wasted" und "Gone" Ende April in einer exklusiven Vorabveröffentlichung auf AOLMusic zu hören. Offensichtlich hat die Band nun endgültig ihren Frieden mit der Industrie gemacht, denn sie nutzen die Plattform zu weiteren Promoaktivitäten. Anfang Mai sind Pearl Jam bei David Letterman zu Gast und performen "Life Wasted". Im Anschluss an die Fernsehaufzeichnung gibt es einen rund einstündigen Gig für 350 Zuschauer, der live im Internet übertragen wird. Solche Webcasts, die vorher im Selbstverständnis der Band noch undenkbar erschienen, soll es in den nächsten Monaten sogar noch einige mehr geben.

Am 24.08. startet dann die Europatour in Dublin. Ausgehend vom Konzert im Astoria Theater in London spielen Pearl Jam im Jahre 2006 auf ihrer World-Tour (Mai bis Dezember) insgesamt 69 Shows in den USA, Kanada, Europa, Australien und Hawaii. Das letzte Konzert am 09.12.2006 im Aloha Stadium von Honolulu zusammen mit U2. Damit findet ein denkwürdiges Jahr für alle Pearl Jam-Fans, insbesondere in Europa sein Ende! Die Band ist aktiv und offen wie kaum jemals zuvor. 

Wie wichtig ihnen mittlerweile ihr Kollektiv ist, zeigt eine kleine Episode während der Tour. Bei einem der Konzerte wirft jemand aus dem Publikum eine aktuelle Ausgabe des US Rolling Stone-Magazins auf die Bühne, auf deren Titelblatt Eddie auf der Bühne zu sehen ist. Eddie hebt es auf und macht eine Bewegung, als wolle er sich damit den Hintern abwischen. Er erklärt, dass die ursprüngliche Absprache lautete, ein Foto der gesamten Band auf dieses Titelblatt zu setzen, sich die Herausgeber jedoch nicht daran gehalten hätten: "Ich habe fünfzig Kopien davon zuhause und ich benutze sie, wenn ich auf die Toilette gehe". Er spricht weiterhin davon, dass Pearl Jam nur deshalb bisher 16 Jahre lang überlebt haben, weil sie eine Band sind und nicht, weil sie nur aus einer Person bestehen. Danach reisst er das Magazin in Fetzen.

Leider wird das Programm der "Digital Downloads" mit dem Ende dieses Jahres ebenfalls eingestellt. Dafür wird auf der Europatour fleißig gefilmt. Der amerikanische Filmemacher und Fotograf Danny Clinch begleitet die Band hautnah während ihrer fünf Konzerte in Italien. Eine Tatsache, die im Jahr 2007 noch eine besondere Bedeutung erlangen soll.

2007 startet jedoch zunächst mit einem anderen Knüller! Denn bereits im Januar gibt der TenClub bekannt, dass Pearl Jam im Juni erneut nach Europa zurückkehren werden. Erst haben die Fans sechs lange Jahre auf die Band warten müssen und nun gibt es bereits die zweite (wenn auch kleinere) Europatour innerhalb von 10 Monaten! Sie umfasst diesmal 12 Konzerte in Portugal, Spanien, Polen, Österreich, England, Dänemark, Holland, Belgien und gleich vier Auftritte in Deutschland (München, Düsseldorf, Southside Festival und Hurricane Festival). Der geplante Auftritt beim Heineken Jammin-Festival in Venedig am 15. Juni muss leider abgesagt werden, da am Vortag ein Sturm über das Festivalgelände fegt und die Bühnenaufbauten zerstört. Zum Glück wird dabei niemand ernsthaft verletzt. Das Roskilde-Trauma wirkt in diesem Augenblick wieder nach.

Der Kartenvorverkauf des TenClubs erweist sich dann auch als harte Geduldsprobe. Der Server bricht mehrfach zusammen und muss zwischendurch sogar zeitweise abgeschaltet werden. Außerhalb der "Pearl Jam-Community" läuft er hingegen eher schleppend. Indiz dafür ist beispielsweise die Verlegung des Düsseldorf-Konzertes von der LTU-Arena in den wesentlich kleineren ISS Dome.

Nach der Europatour gönnen sich Pearl Jam erstmal eine kleine Verschnaufpause. Am 22.06. erscheint mit "Live At The Gorge 05/06" ein opulentes Box-Set, bestehend aus 7 CDs! Im Rahmen ihrer Welttournee 2005/06 spielten Pearl Jam drei außergewöhnliche Shows im Gorge Amphitheater, Washington. Die ausverkauften Konzerte vor insgesamt 75.000 Fans am 01.09.2005 (Gorge I), 22.07. (Gorge II) und 23.07.2006 (Gorge III) sind zugleich die am häufigsten heruntergeladenen Shows, seitdem die Band 2005 mit dem Verkauf der "Pearl Jam Digital Downloads" begann. Pearl Jam setzten damit rund zwei Millionen Einheiten ihrer Live-Konzerte ab (Stand Juni 2007).

"Live At The Gorge 05/06" bedeutet über siebeneinhalb Stunden Musik mit 76 unterschiedlichen Songs. Darunter zahlreiche Raritäten, einige Coverversionen und sämtliche Klassiker der Bandgeschichte bis hin zum aktuellen Album "Pearl Jam". Schon die Optik ist ein Augenschmaus: Die stabile Pappbox enthält zwar leider kein Booklet, dafür aber drei verschiedenfarbige, aufklappbare CD-Hüllen. Die Discs sind ebenfalls in unterschiedlichen Farben gehalten. Gorge I in weinrot, Gorge II in ockergelb und Gorge III in blau. Das Artwork stammt von Brad Klausen, die sehr stimmungsvolle Coverabbildung wird von Ananda Moorman entworfen. Das Ganze gibt es im auch als exklusive und streng limitierte Ten Club-Edition mit einem zusätzlichen Postkartenset.

Im August spielen Pearl Jam noch eine exklusive Show nur für Fanclubmitglieder im Vic Theater in Chicago und treten anschließend beim Lollapalooza-Festival auf. Diese Show wird erneut als Webcast im Internet übertragen. Verantwortlich dafür ist der amerikanische Internet- und Telekommunikationsriese AT&T, der aber offensichtlich Bush-kritische Äußerungen von Eddie Vedder während der Performance von "Daughter" aus dem Webcast entfernt. Obwohl sich das Unternehmen im Nachhinein für diesen Fehler entschuldigt, spricht die Band offen von Zensur. Der Vorfall ist nach Meinung von Pearl Jam "ein Weckruf dafür (...), dass es um mehr als die Zensur einer Rockband geht". Die ungeschnittene Version von "Daughter" erscheint dann kurze Zeit später auf der TenClub-Seite.

Mike McCready erklärt beim Auftritt im Vic Theater einigen Fans, die ihn treffen, dass die Band nun erstmal eine Pause bis April des nächsten Jahres einlegen möchte, um an Songs für ein neues Album zu arbeiten.

Vorher gibt es aber noch zwei sehr schöne andere Veröffentlichungen. Wie bereits eingangs dieses Kapitels angedeutet, erfüllt Eddie Vedder sich und der Pearl Jam-Gemeinde endlich den Wunsch nach einem Solo-Album. Am 14.09. erscheint der Soundtrack zum Sean Penn-Film "Into The Wild" (nach dem gleichnamigen Bestseller von John Krakauer), zu dem Eddie Vedder die Musik geschrieben hat. Es ist ein sehr stimmungsvolles und ruhiges Album, das neun brandneue Songs aus Eddie`s Feder sowie zwei Coverversionen enthält. Bei einem Stück ("Rise") begleitet er sich sogar selbst auf der Ukulele (ein ausführliches Review findet ihr hier).

Am 21.09. folgt dann eine neue, insgesamt die fünfte DVD: "Immagine In Cornice - Live In Italy 2006". Wie ebenfalls bereits erwähnt, begleitete Danny Clinch die Band 2006 auf allen ihren fünf Italien-Konzerten. Das Ergebnis ist diese 113minütige Live-Dokumentation, bestehend aus Konzertmitschnitten, Interviews, Behind-The-Scenes-Material und einigen Bonusfeatures. Ein sehr stimmungsvoller Film (hier gibt es dazu ein Review)! Darüberhinaus wird "Immagine In Cornice" im September und Oktober 2007 als erster Pearl Jam-Film überhaupt an insgesamt zwölf Terminen auch in ausgewählten deutschen Kinos gezeigt. Die drei Vorführungen im Kölner Filmhaus werden dabei exklusiv von pearl-jam.info präsentiert.
    


2008 - ?:
DIE ZUKUNFT

2008 steht zunächst ganz im Zeichen von Eddie Vedder. Am 07.01. feiert das Video zu "Guaranteed" (aus dem "Into The Wild"-Soundtrack) seine Premiere. Es ist das erste Mal überhaupt, dass Eddie Vedder als Solokünstler in einem Musikvideo auftritt (Regie: Marc Rocco). Am 13.01. erhält er dafür sogar einen Golden Globe als "Best Original Song - Motion Picture". Und im März lässt er gleich noch ein zweites Video folgen. Und zwar zu "No More", das aus dem Soundtrack der Antikriegs-Dokumentation "Body Of War" von Phil Donahues und Ellen Spiros stammt und auch auf der Pearl Jam-Tour im vergangenen Jahr einige Male live gespielt wurde.

Doch damit nicht genug! Vom 24. März bis zum 16. April geht Eddie Vedder auf "April Fools"-Solotour durch sieben amerikanische Städte. Die Reaktionen der Fans und Medien sind mehr als positiv! Im August folgt dann der zweite Teil seiner Solotour, der diesmal insgesamt 13 weitere Konzerttermine umfasst.

Auch Pearl Jam geben neue Tourdaten bekannt! Im Juni gibt es eine 14 Konzerte umfassende Tour entlang der US-Ostküste (darunter ein Benefizkonzert zugunsten der "Robin Hood"-Stiftung am 1. Juli in New York). Und das erfreulichste daran ist, dass die Band ihr bereits in der Vergangenheit (seit 2000) bewährtes Bootleg-Programm wieder ins Leben ruft (bis zu dieser Tour haben Pearl Jam damit nach eigenen Angaben schon 3,5 Millionen Einheiten verkauft). Die Fans können diesmal aus drei verschiedenen Angeboten wählen: Digitale Downloads des gesamten Konzertes, sogenannte "Burn-To-Order"-CD(R)s oder drei ausgewählte Tracks pro Show fürs Handy. Letzteres beinhaltet auch die entsprechenden Klingeltöne, was in der Fangemeinde der Band auf Kritik stösst. Man befürchtet den kommerziellen Ausverkauf. Auch Pearl Jam-Info ist mit einigen "Berichterstattern" bei den Shows in New York, Hartford und Mansfield vor Ort, wie ihr hier nachlesen könnt (dazu noch die entsprechenden Fotos). 

Schließlich wird bekannt, dass Pearl Jam noch in diesem Jahr mit den Arbeiten an ihrem neunten Studioalbum beginnen werden. Produzent soll wieder Brendan O´Brien sein, der bereits bei "Vs" (1993), "Vitalogy" (1994), dem "Mirrorball"-Projekt mit Neil Young von 1995, "No Code" (1996), "Yield" (1998), "Riot Act" (2002) und der "Rearviewmirror"-Compilation von 2004 seine Finger mit im Spiel hatte.

Auch die übrigen Bandmitglieder sind 2008 nicht untätig, was ihre Soloaktivitäten betrifft (dies lässt aber auf keinen Fall einen Rückschluss auf das interne Bandgefüge zu, das weiterhin vollkommen intakt ist!). So veröffentlicht Jeff Ament im September ein neues Album namens "Tone", dem auch Stone Gossard einige neue Songs aus eigener Feder folgen lässt ("Your Flames", "Little One", "Both Live" und "Beyond Measure"). Ein komplettes Soloalbum von Stone wird für 2009 erwartet.

Im Dezember schließlich wartet die Band noch mit einer exquisiten Re-Release-Ankündigung auf: Bis zum 20jährigen Bandbestehen im Jahr 2011 planen Pearl Jam die Neuveröffentlichung ihres gesamten Back-Kataloges. Begonnen wird damit am 24. März 2009 mit - wie sollte es anders sein - einer Neuauflage von "Ten". Insgesamt werden vier verschiedene Versionen unterschiedlichen Umfangs erscheinen. Welche genau das sind, könnt ihr hier nachlesen. Beim Ten Club kann man schon ab Dezember die umfangreichste Ausgabe, das sogenannte Super Deluxe Box Set, vorbestellen. Zeitgleich erscheint "Ten" auch als Videospiel "Rock Band" in den USA.

Aber auch sonst hält das Jahr 2009 viele Neuigkeiten bereit. Ein neues Album erscheint, mit dem Pearl Jam zum kommerziellen Rundumschlag ausholen, der in der Fangemeinde weiterhin zwiespältig aufgenommen wird. Es gibt erneut Klingeltöne für`s Handy oder Apps für das iPhone und die Verweigerungshaltung gegenüber der Industrie, die die Band lange Jahre ausgezeichnet hat, scheint endgültig ad acta gelegt worden zu sein. Auch die Touraktivitäten nehmen weiter zu...

Erste konkrete Gerüchte um ein neues Studioalbum gibt es im Februar. Die Band befindet sich mit Brendan O`Brien im Studio. Es dauert aber noch bis zum 1. Juni, ehe die ersten neuen Songs ihre Premiere feiern. Bei einem Auftritt in der "The Tonight Show with Conan O` Brien" spielen Pearl Jam zum ersten Mal "Got Some". Gleichzeitig wird bekannt, dass das neue Album elf Songs enthalten und nur 36 Minuten lang sein soll (was sich letztlich auch so bewahrheitet).

Im April gibt es dann neue Tourtermine. Zunächst jedoch "nur" für eine weitere Solo-Tour von Eddie Vedder. Im Juni und Juli tourt der Pearl Jam-Frontmann für 14 Termine durch die USA und Hawaii. Aber auch die Band lässt sich nicht lumpen. Fast zeitgleich verkündet der TenClub fünf Europakonzerte für 2009, darunter einen Gig am 15. August in Berlin (hinzu kommen zwei Auftritte in London und je einer in Manchester und Rotterdam). Auch die Fans in den USA, in Kanada, Australien und Neuseeland dürfen sich von August bis November des Jahres über ausgiebige Touraktivitäten freuen. pearl-jam.info legt im Februar ein spezielles Pearl Jam T-Shirt auf, das anlässlich des Berlin-Konzertes um eine spezielle Edition erweitert wird. Fast schon überflüssig zu erwähnen ist die Tatsache, dass Pearl Jam auch von ihrer Tour 2009 wieder digitale Bootlegs aller Konzerte anbieten (wahlweise als MP3-, Flac- oder Burn-on-Demand-Format).

Im Juli unterschreibt die Band einen neuen Plattenvertrag mit Universal, die auch in Europa ihr inzwischen mit "Backspacer" betiteltes neuntes Album vertreiben werden. Am 4. September erscheint die erste Singleauskopplung "The Fixer", der schließlich am 18. September das Album folgt. "Backspacer" stösst aufgrund seiner Eingängigkeit nicht auf ungeteilte Gegenliebe. Vielen Fans ist das Album zu Mainstream-lastig. Auch das dazugehörige "The Fixer"-Video sorgt für kontroverse Diskussionen. Immerhin scheint für Pearl Jam die Rechnung aufzugehen: In den USA, Kanada, Australien, Neuseeland, Portugal und Slowenien erreicht "Backspacer" Platz 1 der Album-Charts (in Deutschland ist Platz 3 in der ersten Woche die beste Platzierung) und verkauft sich alleine in den USA fast 500.000 Mal (Stand: Januar 2010).

Trösten kann man sich mit der Nachricht, dass der Filmemacher Cameron Crowe ("Singles") offensichtlich an einem Film über die Band arbeitet und sich dafür durch Hunderte Stunden Material wühlt. Gerüchteweise soll der Film bis zum 20jährigen Bestehen aber fertig sein...

Als Vorgriff auf 2010 wird im Dezember schließlich bekannt, dass Pearl Jam erneut nach Europa zurückkehren werden. Wenn man bedenkt, dass die Band einst zwischen 2000 und 2006 die deutschen Fans sechs Jahre lang live völlig vernächlässigt hat, sind die regelmäßigen Besuche hierzulande seitdem schon fast eine schöne Selbstverständlichkeit geworden. Auch Berlin steht im Juni 2010 wieder auf dem Tourplan, dazu neun weitere Daten, von denen jedoch nur noch zwei (Dublin und Belfast) eigene Headlinershows und der Rest Festivalauftritte sind.

Seit ihrer Gründung 1990 haben Pearl Jam jedenfalls eindrucksvoll bewiesen, dass sie völlig zu Recht zu den glaubwürdigsten und grössten Rockbands auf diesem Planeten gehören. Das ist weniger an ihrem kommerziellen Erfolg festzumachen, obwohl sie bisher rund 60 Millionen Alben verkauft haben (Quelle: SonyBMG, August 2007), als vielmehr an ihrer künstlerischen Eigenständigkeit, die sie zu etwas so Besonderem werden ließ. Ihre Geschichte hat aber (hoffentlich) auch gezeigt, dass es bis zu diesem Punkt ein langer und teilweise harter Weg war.

Insofern haben sich die Band und ihre Fans eine Zukunft verdient!

„Will I walk the long road, cannot stay,
there`s no need to say goodbye.
All the friends and family,
all the memories,
goin` round, round, round…
I have wished for so long,
how I wish for you today”
(Pearl Jam “Long Road”, 1995)

 

Ein ganz spezieller Dank geht an Philipp “JustinCognito” Rabe für seine große Unterstützung bei der Arbeit an diesem Special!
-Thomas Kröll-

 

 

 

Pearl Jam is:

- Eddie Vedder (bürgerlicher Name: Edward Louis Severson III), geb. am 23.12.1964 (Vocals, Guitar)
- Michael "Mike" McCready, geb. am 05.04.1965 (Lead Guitar)
- Stone Carpenter Gossard, geb. am 20.07.1966 (Guitar)
- Jeff Ament, geb. am 10.03.1963 (Bass)
- Matthew "Matt" Cameron, geb. am 28.11.1962 (Drums)

Discografie:

Alben:

- "Ten" (1991)
- "Vs." (1993)
- "Vitalogy" (1994)
- "No Code" (1996)
- "Yield" (1998)
- "Live On Two Legs" (1998)
- "Binaural" (2000)
- "Riot Act" (2002)
- "Lost Dogs" (2003)
- "Live At Benaroya Hall" (2004)
- "Rearviewmirror - Greatest Hits 1991-2003" (2004)
- "Pearl Jam" (2006)
- "Live At The Gorge 05/06" (2007)
- "Ten" Re-Release (2009)
- "Backspacer" (2009)

DVDs:

- "Single Video Theory" (1998)
- "Touring Band 2000" (2001)
- "Live At The Showbox" (2003)
- "Live At The Garden" (2003)
- "Immagine in Cornice" (2007)

 

 

- Diese Band-History wird fortlaufend aktualisiert -

(Weitere detaillierte Informationen zur Bandgeschichte findet ihr auch auf der deutschen Wikipedia-Seite)

 

 

 

 
.

Holt euch das PJI-Shirt: